„Wer glücklich ist, kauft nicht.“

26. Januar 2015

Bei WiWo Green, dem zentralen deutsche Online-Portal rund um die grüne Wirtschaft, ist letzte Woche ein interessanter Artikel erschienen.

Gehirnforschung „Wer glücklich ist, kauft nicht.“

Die Verantwortung für eine nachhaltige Wirtschaft sehen viele Experten bei den Unternehmen. Sie müssten ihre Geschäfte sozialer und umweltfreundlicher gestalten, heißt es. Auf der anderen Seite stehen aber auch die Konsumenten, die ihr hart verdientes Geld in immer neue Produkte investieren – ohne sie unbedingt zu benötigen. Der Ressourcenverbrauch steigt damit unvermeidlich an und damit auch die Müllberge und der Energieverbrauch. Aber warum shoppen wir bis zum Umfallen?

Über diese Frage haben wir mit Gerald Hüther (62), Professor für Neurobiologie an der Universität Göttingen, gesprochen. Bekannt wurde er vor allem durch seine Arbeiten über die Frage, unter welchen Bedingungen Menschen die in ihnen angelegten Potentiale entfalten können. Hüther ist zudem einer der bekanntesten Kritiker des deutschen Schulsystems.

Herr Hüther, als Hirnforscher beschäftigen Sie sich mit der Frage, warum der Mensch ist, wie er ist. An unserem Wirtschaftssystem wird immer wieder kritisiert, dass es egoistisches Verhalten bestärke und sogar belohne. Kommen wir schon als Egoisten auf die Welt?

Hüther: Nein, überhaupt nicht. Im Gehirn gibt es keine genetische Vorprogrammierung. Und dass der Mensch von Natur aus auf seinen Vorteil bedacht ist, wie wir jahrelang angenommen haben, stimmt schlicht nicht. Das haben Experimente mit kleinen Kindern bewiesen.

Können Sie ein Beispiel geben?

Kindern im Alter von sechs Monaten wurden verschiedene Trickfilme gezeigt. In einem Film krabbelt das gelbe Männchen einen steilen Berg hinauf und bekommt dabei Hilfe von einem grünen Männchen. Im zweiten Film bekommt das gelbe Männchen wieder Hilfe vom grünen, nur taucht plötzlich oben am Berg ein blaues Männchen auf und stößt es herunter. Das Experiment endet so, dass die Kinder am Schluss aus zwei Figuren wählen dürfen, eine grüne und eine blaue. Alle haben nach diesen Beobachtungen das grüne Männchen genommen, den Helfer. Ein halbes Jahr später wurde das Experiment mit den gleichen Kindern wiederholt. Die waren jetzt ein Jahr alt. Zehn Prozent der Kinder griffen jetzt nach der blauen Figur.

Was hat sich denn bei den Kindern geändert, dass sie auf einmal den Vertreter einer Ellenbogen-Gesellschaft wählen?

Die haben vielleicht gesehen, dass sich irgendwer in der Familie auf Kosten eines anderen durchsetzt und damit auch Erfolg hat. So setzt sich die Vorstellung fest, dass Egoismus schnell zum Erfolg führt. Diese Vorstellung wird von Generation zu Generation weitergegeben, obwohl das gar nicht in uns angelegt ist und wir durchaus auch anders handeln könnten.

Gibt es denn so etwas wie einen natürlichen Kompass?

Zumindest sind in uns zwei ganz wesentliche Bedürfnisse angelegt. Aus unseren neun Monaten im Mutterleib haben wir gelernt, dass wir verbunden sind und gleichzeitig wachsen dürfen. Später erleben wir dann ständig, dass diese Bedürfnisse in Konflikt geraten. Im Kindesalter fängt das schon an. Mutter oder Vater schreiben uns vielleicht vor, wie wir zu sein haben. In der Schule sollen wir Leistungen erbringen und ihnen können wir nicht immer gerecht werden. Im schlimmsten Fall werden wir bestraft. Solche Erfahrungen tun uns im wahrsten Sinne des Wortes weh.

Wie meinen Sie das?

Unser Gehirn ist daran interessiert, einen Zustand herzustellen, den ich Kohärenz nenne. In diesem Zustand verbraucht es wenig Energie. Erfahrungen von Ausgrenzung oder Bestrafung regen Regionen im Hirn an, die auch aktiviert werden, wenn ein Mensch körperlichen Schmerz empfindet. Das Gehirn gerät in Inkohärenz. Niemand kann körperlichen Schmerz lange aushalten, der Zustand verbraucht einfach zu viel Energie. Also muss schnell ein Ersatz her, damit Ruhe einkehrt.

Was wäre ein Ersatz?

Heute konsumieren wir ja wie verrückt. Werbung will uns jeden Tag weismachen, woran es uns angeblich noch fehlt. Wir kaufen also ein neues Paar Schuhe und sogleich wird das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert. Menschen schenken uns plötzlich Aufmerksamkeit, beneiden uns um die neuen Schuhe. Dadurch wird der Normalzustand im Kopf wenigstens für kurze Zeit wiederhergestellt und der Schmerz gelindert.

Wie nachhaltig ist das denn?

Nicht sehr. Es kaschiert eigentlich nur, dass unsere wahren Bedürfnisse nicht gestillt sind. Wenn man nicht das bekommt, was man braucht, nimmt man sich eben, was vorhanden ist. Aber glücklicher werden wir dadurch nicht.

Braucht unsere Wirtschaft also unglückliche Menschen, damit sie floriert?

Bis zu einem gewissen Maße stimmt das sicherlich. Konsum garantiert eine schnelle Befriedigung. Und die Belohnung ist auch leicht zu bekommen, in unserer Gesellschaft kann man schließlich immer und überall konsumieren.

Was ist nun Ihr Geheimnis des Gelingens? Wie könnten wir ausbrechen? 

Um unser Verhalten zu ändern, müssten wir umdenken. Das gelingt uns aber nur, wenn wir auch dazu in der Lage sind, umzufühlen. Gefühl und Verstand gehen immer Hand in Hand. Unsere Vorstellungen und Überzeugungen sind eben nicht nur ein bisschen mit dem Gehirn verbunden, sondern tief in unserer Gefühlswelt verankert. Wie kommen wir also daraus? Nun, wir müssten uns für etwas anderes begeistern als bisher. Dann würde das Belohnungssystem mit einer anderen, einer positiven Erfahrung verknüpft.

http://green.wiwo.de/gehirnforschung-wer-gluecklich-ist-kauft-nicht/


 

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2 Antworten zu “„Wer glücklich ist, kauft nicht.“”

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