Letzte Woche habe ich etwas für’s Leben gelernt. Von einer 85-jährigen Dame. Während ich mich durch ihre Mappen, Ordner, Papierstapel und Briefumschläge arbeitete, erzählte sie aus ihrem Leben und zitierte das folgende, deutsche Sprichwort:

Lerne Ordnung, liebe sie, das erspart Dir Zeit und Müh grün

Aber ich erzähle mal von vorne. Die Dame meldete sich auf eine Anzeige, die ich im Wochenblatt meiner Nachbarstadt geschaltet hatte. Sie berichtete davon, dass ihr Mann vor 19 Jahren verstorben sei und sie seitdem keinen Durchblick durch den ganzen Papierkram mehr hat. Er hatte sich halt immer um diese Dinge gekümmert.

Sie erzählte, dass sie vor ein paar Monaten drei Körbe gekauft und ihre Post darin gesammelt hat. Die hat sie hinter die Couch geschoben, die Enkel haben sie gefunden und fanden Oma’s Idee gar nicht so gut. Beide Enkel hatten wirklich versucht, sich mit dem ganzen Papierkram und den Versicherungspolicen zu beschäftigen, wurden aber nicht so recht damit fertig. Am Ende sagte die Dame noch: „Und mein Testament kann ich auch nicht mehr finden“.

Da kam die Anzeige der Ordnungs-Expertin in der Sonntagsausgabe der Wochenzeitung also gerade recht ? Ich telefonierte mit der Kundin und wir machten gleich einen Termin für die folgende Woche aus. Auch die Enkel wurden herbei gerufen, um die Papiere aus den Schränken zu räumen, Briefumschläge zu öffnen und das entsorgte Papier durch den Schredder zu schieben. 

Ich wurde sehr herzlich empfangen und schon bald war der Couchtisch voller Papiere. Schnell klar, dass in den Schränken Schätzchen lagern, die schon lange Jahre überfällig sind. 20160222_141031 Es fand sich viel Papierkram, der noch von ihrem Mann stammte, so zum Beispiel das 1946 ausgestellte Bergmannsbuch, Meldungen zur Sozialversicherung oder der Rentenbescheid. Die Lebensversicherung der Kundin war längst ausgezahlt, die Kredite für das Haus längst abbezahlt und Telefonrechnungen aus dem letzten Jahrtausend braucht ja irgendwie auch keiner mehr. Außer, um damit den Kamin zu befeuern ?

PapierstapelWir konnten also reichlich Papiere aussortieren, vieles fand sich in einzelnen Papp-Mäppchen, die auch schon in die Jahre gekommen waren. Wir legten neue Ordner an und fassten die Dokumente thematisch zusammen. Die Kundin freute sich sehr darüber, das alte Zeug endlich los zu sein. Sie sagte, es würde sich in ihrem Wohnzimmer schon viel luftiger anfühlen. Über solche Sätze freue ich mich immer sehr, erstes Ziel erreicht! Die Kundin freute sich ebenso, das leidige Thema endlich angegangen zu sein. Und wir fanden übrigens tatsächlich auch das Testament ?

Ich erlebe gerade bei älteren Kunden oft, dass Papiere viel zu lange aufgehoben werden. Sie sind nun einmal da und dann bleiben sie da auch. Sich mit Jahrzehnte altem Kram zu beschäftigen ist lästig, wühlt oft auf, es kostet Zeit und viel Mühe sich hindurch zu finden und bringt lange Vergessenes zum Vorschein. Aber ist es einmal erledigt, ist die Freude um so größer.

OrdnerBei der Kundin war ich nun schon zwei Mal, nächste Woche haben wir den dritten Termin. Diese dauern jeweils 3 Stunden, mehr wäre zu anstrengend, das leidige Thema „Papierkram“ anzugehen, kostet Kraft. Auch wenn meine Kundin schon immer wusste, dass in „Lerne Ordnung, liebe sie, das erspart Dir Zeit und Müh“ ganz viel Wahrheit steckt, schienen die Papierberge unüberwindbar. Nun sind die Ordner einmal angelegt und in Zukunft fällt Ihr die Ablage sehr viel leichter. Und wenn sie dazu keine Lust hat, sagt sie, weiß sie ja, wo sie mich findet ?

Herzliche Grüße,
Ursula Kittner
Die Ordnungs-Expertin